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Quelle: www.neues-deutschland.de/15.11.2017/Dokumentation

100 Euro Strafe für den Platzsturm

Wenn ein von Neonazis durchsetzter Mob versucht, einen Fußballplatz zu stürmen, kostet das 100 Euro Strafe. Der zweimalige "Juden-Sterne"-Ruf eines betrunkenen Zuschauers wird mit 250 Euro sanktioniert - zumindest im sächsischen Amateurfußball: Diese Strafen verhängte das Sportgericht des Sächsischen Fußballverbandes (SFV) am Montag gegen den TSV 1862 Schildau. Roter Stern Leipzig hingegen muss 150 Euro Strafe dafür zahlen, dass seine Anhänger nach Spielschluss das Banner "Antifaschismus lässt sich nicht aussperren" zeigten. Schildau verbietet per Hausordnung jegliche Fanartikel und Meinungsäußerungen per Banner, was rechtlich umstritten, aber vom SFV anerkannt ist.

Beim Siebtliga-Kick des nordsächsischen Kleinstadtklubs gegen den antirassistischen Leipziger Verein am 15. Oktober waren neben den antisemitischen Rufen und dem versuchten Platzsturm auch etwa 30 Neonazis mit teils eindeutigen T-Shirt-Aufschriften ("NS ist machbar, Herr Nachbar") und -Symbolen im Heimbereich eingelassen worden ("nd«"berichtete). In den Urteilen, die dieser Zeitung vorliegen, findet sich das nicht wieder. Sachsens Verband erklärt auf Nachfrage, "dass für die Sicherheitskräfte des Vereins die Symbole unter Umständen gar nicht sichtbar waren", etwa weil sie unter Jacken versteckt gewesen seien.

Auch dass die Gäste auf der Heimfahrt trotz Polizeieskorte gleich zweimal von Rechtsextremen angegriffen wurden, spielt im Urteil keine Rolle. Da dies außerhalb der Sportanlage geschah, ist der Verband zwar nicht zuständig; die Polizei ermittelt. Was jedoch die Gesamtbewertung der Zustände beim TSV 1862 Schildau angeht, wo Neonazis zumindest geduldet sind, sollte auch das nicht unerheblich sein. Immerhin bestätigte der SFV gegenüber "nd" nun, dass der Verband gemeinsam mit dem Landessportbund "Maßnahmen ergriffen" habe, um den TSV Schildau "diesbezüglich zu unterstützen". Heißt: eine Intervention im Verein durch Demokratietrainer im Rahmen des Programms "Sport verein(t) für Demokratie". Die Schildauer zeigten sich dabei "sehr kooperativ und entschlossen", heißt es beim SFV.

Trotz überregionaler Schlagzeilen hatte der sächsische Verband nach den Vorfällen zunächst fast zwei Wochen geschwiegen, ehe er sich äußerte. Längst ist das Skandalspiel auch verbandsintern ein Politikum geworden: Neben den beschriebenen Vorfällen stand im Mittelpunkt, dass Spieler und Funktionäre des Roten Stern Aufwärm-T-Shirts mit der Auschrift "Nazis raus aus den Stadien" - eine Solidaritätsaktion mit dem SV Babelsberg 03 - ausziehen mussten. Sonst hätte der Schiedsrichter die Partie nicht angepfiffen.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner hatte daraufhin eine "laute und deutliche" Reaktion vom DFB gefordert. Eine Reaktion auf ihren Brief blieb bislang aus. Auf nd-Nachfrage erklärt Renner nun scharf: "Der DFB stellt sich mit seinem Schweigen zur Verurteilung des Roten Stern Leipzig durch das Sportgericht des sächsischen Fußballverbandes de facto auf die Seite der rechten Angreifer aus den Reihen des TSV 1862 Schildau." DFB und sächsischer Fußballverband müssten "endlich Position beziehen und klarstellen, dass antifaschistische Transparente in Stadien keine sportrechtlichen Verstöße sind, sondern ein wichtiges und hochwillkommenes Engagement".

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Martina Renner ist stellvertretende Parteivorsitzende und Mitglied des Bundestages, im Innenausschuss und stellvertretend im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. Sie ist im Kuratorium der Bundeszentrale für Politische Bildung im Beirat des Bündnis für Demokratie und Toleranz vertreten sowie Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Bundestag und Obfrau im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Anschlag auf dem Breitscheidplatz.

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