Antifaschismus

Die Rolle Thüringens im Komplex „Patriotische Union“ klären

Martina Renner
NeuNSU/AntifaschismusRechts

Nach der Anklageerhebung im Komplex „Patriotische Union“ um Heinrich Prinz Reuß gegen 27 Personen müssen wir in Thüringen stärker nach den Bezügen der Vereinigung in unser Bundesland fragen. Im Freistaat war der Aufbau einer „Heimatschutzkompanie“ bereits weit fortgeschritten. Welche Verbindungen gibt es zu Akteuren und Strukturen der 2017 zum Schein aufgelösten „Europäischen Aktion“ in Thüringen, gab es in – wie in Bayern – Schießtrainings, wer aus der Gruppe und ihrem Umfeld besaß und besitzt Waffen und woher stammen sie?

Insgesamt 286 „Heimatschutzkompanien“ (HSK) wollte die „Patriotische Union“ bundesweit ins Leben rufen, um nach einem Putsch polizeiliche und militärische Aufgaben wahrzunehmen. Bereits weit fortgeschritten soll die Entwicklung der HSK im südöstlichen Saale-Orla-Kreis in Thüringen gewesen sein. Nicht nur das Schloss Waidmannsheil des mutmaßlichen Kopfs der Verschwörung befindet sich hier. Auch Wurzbach mit knapp 3000 Einwohner*innen liegt hier, bis 1918 gehörte der Ort zum Haus Reuß, dem sich auch der Hauptangeklagte der „Patriotischen Union“, Heinrich Prinz Reuß, zurechnet. Zu Wurzbachs Ortsteilen zählen Heberndorf und Weitisberga, nur etwa knapp drei Kilometer voneinander entfernt. Hier liegt der Ursprung der Heimatschutzkompanie 148, die als „Heimatunterstützung Heberndorf HH“ von dem Rentner Norbert Gudopp aus der Gemeinde Rosenthal am Rennsteig gegründet worden war.

Bei einem „Patriotentreffen“ im Hotel „Silbertau“ in Bad Lobenstein trafen Gudopp und andere Mitglieder der „Heimatunterstützung“ im September 2022 Rüdiger von Pescatore und Marco van Heukelum von der ein Jahr zuvor gegründeten Gruppe „Patriotische Union“. Von Pescatore und van Heukelum informierten die Anwesenden über ihre Pläne und den Aufbau von Heimatschutzkompanien, woraufhin die Heberndorfer Gruppe der Patriotischen Union als „Heimatschutzkompanie Nr. 148“ für „Jena, Saale Holzland Kreis, Saale-Orla-Kreis“ beitrat. Ihre Leitung übernahm Gudopp, auch für Personenschutzaufgaben bei Heinrich Reuß Sund den Schutz seines Jagdschlosses Waidmannsheil in Bad Lobenstein soll die Gruppierung zuständig gewesen sein. Dafür wurden ihnen versprochen, dass ihnen am „Tag X“ Uniformen, Fahrzeuge, Funkgeräte und Waffen zur Verfügung gestellt würden. Alle Teilnehmer*innen des Treffens unterschrieben Verschwiegenheitserklärungen. Mitte November 2022 meldete Gudopp die Einsatzbereitschaft seiner Heimatschutzkompanie, wurde aber knapp einen Monat später bei den bundesweiten Razzien im Schloss von Heinrich Reuß in Bad Lobenstein festgenommen. Die Ermittler*innen stießen bei ihm auf mehrere Waffen, für die er keine waffenrechtliche Erlaubnis hatte. Er muss sich demnächst vor dem Oberlandesgericht Frankfurt/Main verantworten, zu seinen Rechtsbeiständen gehören Nicole Schneiders und Olaf Klemke als prominente Neonazi-Verteiteidiger*innen. Zu ihrem Klientel gehörte beispielsweise der NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben.

Die HSK 148 war streng hierarchisch aufgebaut und nach einem Struktur- und Aufbaukonzept räumlich in die fünf Sprengel „Saalfeld“, „Saalburg“, „Lobenstein“, „Naila“ und „Sonneberg“ gegliedert. Demnach waren im Oktober 2022 drei Sprengel mit insgesamt 25 Personen einsatzbereit, zwei andere Sprengel waren kurz vor der Fertigstellung oder in Arbeit. Als organisatorischer Unterbau jeden Sprengels existierte ein örtlicher Trupp für Saalfeld, Saalburg, Lobenstein, Naila und Sonneberg. Diese Trupps waren für die „Sicherheit und Ordnung“ in ihrem Sprengel zuständig, um dort „kurze Zugriffszeiten“ zu gewährleisten. Jeder Trupp bestand aus je drei Führungspersonen mit sieben bis zehn Personen für die Ausführung der Aufgaben vor Ort.

Anführerin des „Trupp 3 Lobenstein“ war die die Waldbesitzerin Runa P. aus Heberndorf, die sich am Telefon schon darauf gefreut hatte, „bei Aufräumarbeiten bezüglich diverser Drecksäcke“ mitzuhelfen. Beobachter*innen beschreiben sie als Q-Anon Anhängerin, auf dem Gelände ihres Hofs haben fast alle Treffen der HSK 148 stattgefunden, im Dezember 2022 durchsuchten die Ermittler*innen auch ihr Haus. Neben Reichsbürger-Literatur stießen sie auf eine Armbrust, Buschmesser, Bajonette, Funkgeräte, Munition und eine versteckte Langwaffe. P. gehört im Verfahren gegen die „Patriotische Union“ zu den „gesondert Verfolgten“. Sie hatte die „Verschwiegenheitserklärung“ beim ersten Treffen ebenso unterzeichnet wie ihre Söhne Dirk P. und Falk P.  

Knapp drei Kilometer von Heberndorf entfernt liegt mit Weitisberga ein weiterer Ortsteil von Wurzbach. Hier wohnen Silke B uund ihre Tochter Jenny M., auch sie zählten mutmaßlich zur HSK 148. Bereits im September 2016 gab es bei ihnen eine Hausdurchsuchung, die Polizist*innen nahmen einen damals 35-jährigen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz fest uns stellten „diverse Beweismittel“ sicher. Auch M. und B. wurden festgenommen – gegen sie lagen Haft- bzw. Vorführbefehle wegen anderer Strafsachen vor. M. war Mitglied im Kirmesverein Weitisberga und lobt in sozialen Netzwerken die vom Neonazi Tommy Frenck betriebene Gaststätte „Goldener Löwe“ in Kloster Veßra. Die Rentnerin B. postet völkisch nationalistische Bilder und Sprüche. Auf ihrem vier Seiten Hof sollen Treffen der Putschisten stattgefunden haben, zu denen auch Personen in Autos mit auswärtigen Kennzeichen angereist sein sollen. Anschließend wurde erzählt, dass man sich zum Mutzbraten treffe, einer Fleischspezialität aus dem östlichen Thüringen.

Zu den Mitgliedern der HSK zählt auch Elmar S., der als „der Gehilfe“ von Reuß in Bad Lobenstein bekannt ist, und im örtlichen Wirtshaus gesagt haben soll, Reuß sei in der Lage, Deutschland zu führen.

Ebenfalls an der HSK 148 beteiligt waren Ronny J. und Martina Z., die in den internen Strukturen von großer Wichtigkeit gewesen sein könnten. Beide gehören zum Vorstand des Schützenvereins Wurzbach, Z. übte das Schießen in der Vergangenheit auch bei ihrer Teilnehme an Schießwettbewerben für den SV Pößneck. Somit hatten beide Zugang zu Waffen, die unabdingbar für die vorgesehenen Aufträge der HSK waren. Dazu gehörten z.B. „Neutralisierung von konterrevolutionären Kräften aus dem linken und dem islamischen Milieu“ und die „Unterbindung von Partisanenaktivitäten in den durch die Nachbarländer zurückzugebenden Provinzen“. Es sind eben jene „Aufräumarbeiten“, auf die sich auch P. am Telefon schon im Oktober 2022 gefreut hatte.